PRINZ PIKKOLO'S WM-TAGESTICKER
Der letzte Tick +++ Damit tickt hier heute an dieser Stelle auch zum letzten Mal Prinz Pikkolos WM-Tagesticker, wo sich in den letzten Wochen rückscrollend doch eine ganze Menge köstliche Impressionen angesammelt haben: sozialpsychologische Abhandlungen über sich schminkende Fans und ihre Feste, Paninibildsammler und wiederentdeckte Kindheitsträume, absurde FIFA-Merchandisingprodukte, kickende Mädchenschwärme und nackte Brasilianerinnen, todsichere Fußballversicherungen und Tauschgeschäfte (z.B. Papst gegen WM-Titel). Besonders stolz können wir vor allem auf die sensationellen Enthüllungen über Pelés Verwandtschaft mit Roberto Blanco und GOLEOs mehrfache Identitäten sein, die hier weltexklusiv präsentiert werden konnten.
Vielen Dank, ein dreifaches Hip Hip Hurrra, und bis zum nächsten Spektakel!
Prinz Pikkolo (prinz@helden-der-nacht.de)+++
10. Juli 06 +++ Italien ist Weltmeister nach Elfmeterschießen gegen Frankreich. Na ja, Fairplay, daher ein zerknirschtes „Herzlichen Glückwunsch“, auch wenn es wirklich schwer fällt, weil die a) unseren Finaltraum verdorben haben und b) jetzt vier Sterne auf dem Trikot haben – und da hört der Spaß eigentlich auf. +++ Die wohl monumentalste Szene war der Kopfstoß von Zidane gegen den Brustkorb von Materazzi und der damit verbundene tragische Abgang eines großen Fußballers. Was wird Materazzi wohl Mieses gesagt haben, so dass aus Zizou, dem kleinen geschmeidigen weißen Kätzchen, ein Amok-Zidane wurde? Die Taubstummen dieses Landes werden diese Szene in den nächsten Tagen anhand von Lippenbewegungen in Grossaufnahme und Zeitlupe bis ins kleinste Detail analysieren. Vermutlich hat er ihn als „dummen August“ oder „Blödian“ beschimpft. +++ Ab heute ist die WM vorbei. Vier Wochen Fußball garniert mit sympathischem Patriotismus, Sonnenschein und Konfetti sind zu Ende gegangen. Es war eine großartige durchgehend andauernde Party mit fröhlichen Gästen aus aller Welt, ein perfekt organisiertes, euphorisches, friedliches Event der Extraklasse, bei dem Deutschland eine sensationelle Visitenkarte abgegeben hat und eindrucksvoll gezeigt wurde, dass wir ein ganz entspanntes Völkchen sind. +++ Hoffentlich hält die Stimmung im Lande noch ein wenig an, auch dann, wenn alle verkatert realisieren, dass in den letzten vier Wochen unter dem Deckmantel der WM-Fröhlichkeit diverse Steuern und sonstige Beiträge erhöht wurden und es weiterhin genau so viele Rütlischüler wie vorher gibt. +++ GO TSCHLAAAAAANNNDDDDD GOOOOOOO! +++
09. Juli 06 +++ Gestern das „kleine Finale“ gegen Portugal – zappzarapp mit 3 zu 1 souverän gewonnen, und der dritte Platz hat doch Spaß gemacht. Anschließend großes Feuerwerk und überschwappende Emotionen. +++ Auf dem Ku-damm überall fahnenschwenkende Menschen und sämtliche Fußballsongs in der Endlosschleife. Ein alleinreisender Italiener ist sehr mutig oder betrunken oder beides, steigt „Forza Azzurri“ singend in einer Horde kleiner dicker deutscher Fußballfans auf ne Bierbank, die ihn lautstark als Pizzalieferant titulieren – aber alles ganz anständig und friedlich. +++ Die Stadt bricht heute aus allen Nähten: großer Auftritt der von letzter Nacht verkaterten Nationalmannschaft vor fast 1 Millionen Menschen auf der Fanmeile und um 20 Uhr das große Finale im Berliner Olympiastadion. Gänsehautbilder garantiert, die um die Welt gehen werden. +++ In Anlehnung an die Tickerbeiträge vom 17. und 27.06. lässt sich gegen Ende der WM das Rätsel um GOLEO VI endlich gänzlich auflösen! Eins steht seit gestern nämlich ganz sicher fest: GOLEO war NICHT Bruno der Problembär! Jedem - der die Nachberichterstattung des Spiels im ZDF gesehen hat - muss es wie Schuppen von den Augen gefallen sein: Thomas Gottschalk ist GOLEO, es kann nicht anders sein! Diese zauseligen Locken haben ihn überführt. GOLEO lebt – Gottschalk sei Dank! +++
08. Juli 06 +++ Heute das letzte spielerische Spektakel mit deutscher Beteiligung: Das Spiel um den dritten Platz. Das „kleine Finale“ muss für Sportler eine unerträgliche Schmach sein – so ähnlich wie wenn unter 18jährige beim Eintritt in die Disco den Ausweis abgeben müssen, und dann um 0 Uhr, wenn die Großen feiern kommen, nach Hause gehen müssen. Zahlreiche Spieler sind verletzt: Ballack, Borowski und Mertesacker haben Entzündungen an Sehnen, am Knie oder Schleimbeutel (was um Himmelswillen ist ein Schleimbeutel?). Ob die Jungs auch verletzt wären, wenn es morgen ins Finale gegangen wäre? +++ Aber darum geht es jetzt ja nicht mehr: Es ist eine große Abschlussparty, bei der noch einmal herrlich ausgeflippt werden kann. Ein letztes Mal große WM-Symbolik: schwarz rot goldene Fahnen schwenken, Deutschlandrufe, überall große Gesten (Kahn darf heute dank seines tadellosen Verhaltens ins Tor), und alle haben sich ganz doll lieb! +++ Hier noch ein grundsätzlicher Tipp: Ebenso wie man keine Lollis von Fremden annehmen sollte, sollte man derzeit bloß nicht gegen scheinbar herrenlos herumliegende Bälle kicken, denn irgendwelche anarchistischen Globalisierungsgegner oder durchgeknallte Trash-Performancekünstler haben sich den köstlichen Spaß erlaubt und in der Stadt mit Beton gefüllte Fußbälle verteilt. Wenn man da mit ordentlichem Anlauf gegenkickt oder mit Schmackes einen Kopfball versucht, dann hat man bestimmt nicht nur eine Schleimbeutelentzündung. +++
07. Juli 06 +++ Tatatatatataaaa und Trommelwirbel: Heute endlich die schon seit langem fällige Ode an PANINI! +++ Das Sammeln von Panini-Bildchen war für viele ein ganz wichtiges WM-Ritual. Es diente einerseits der professionellen Vorbereitung auf das Turnier (Name der Spieler, Geburtstag, Geburtsort, Größe, Gewicht, Heimatverein), und gleichzeitig wurde mit jedem neuen Bildchen die Vorfreude auf das WM-Spektakel gesteigert. Der symbiotische Duft aus leichtem Plastik und gedruckter Farbe beim Aufreißen der schmalen blauen Päckchen ließ längst vergessene Kindheitserinnerungen wieder erwachen (z.B. an Mexiko 1986). Ein großartiges Gefühl, wenn die Seiten des Paniniheftes durch immer mehr eingeklebte Bilder mit der Zeit schwerer wurden. Das Hoffen auf silberne Wappen, Stadien, potentielle Turnierstars oder die „Calciatori-Sonderbriefmarke“, das ständige Blättern in dem Heft, das Eintragen der Spielergebnisse, das Führen einer Liste mit den fehlenden Bildern in einer professionellen Excel-Datei, das Rückwärtssortieren der Doppelten (vor allem Holländer!!!), knallharte Tauschverhandlungen mit Kollegen oder Freunden und das pedantische millimetergenaue Einkleben der Bilder war eine schon fast heilige tägliche Zeremonie. Zugegeben – ein nicht ganz billiger Spaß. An der Preisentwicklung von Paninibildpäckchen kann man herrlich volkwirtschaftliche Entwicklungen der letzten Jahre ablesen. Während man damals noch für ein paar Pfennige eine Packung bekam, muss man heute 50 Cent (1 DEUTSCHE MARK!) für fünf Bildchen hinblättern. Mein lieber Scholli. Das können sich die Schulkinder der Nation heute doch eigentlich gar nicht mehr leisten, wenn sie nicht nach den Hausarbeiten ihr Taschengeld als Dealer aufbessern. Kann uns Erwachsenen aber ja auch egal sein. Zugegebenermaßen hat es sogar manchmal ein bisschen Spaß gemacht, die kleinen Bengel in den Lotto- und Zeitungsgeschäften ein wenig zu ärgern, wenn man einfach mal locker vor deren Augen einen ganzen Kasten Bilder weggekauft hat, während die ihr Taschengeld der letzten Monate für zwei Packungen zusammenkratzten. +++ Als echter Panini-Fan konnte man sich bei www.mypanini.com sogar sein eigenes Bild mit Wappen und Trikot und Namen zusammenstellen und frisch gedruckt aus Modena nach Hause schicken lassen. Damit wäre man damals der König des Schulhofes gewesen, aber auch heute hat man damit jedes Mädchen rumkriegen können – wirklich wahr! +++ Irgendwie verspürt man heute beim Durchblättern des Heftes ein bisschen Wehmut. In drei Tagen ist die WM und damit auch das leidenschaftliche Paniniprojekt offiziell beendet. Das Heft wird dann irgendwo ins Bücherregal gestellt, aber irgendwann wird man es wieder in Händen halten, wie in einem Tagebuch darin blättern und sich an das große Spektakel „WM 2006 in Deutschland“ erinnern… +++
06. Juli 06 +++ Heute Nacht habe ich geträumt, dass das Wetter wieder schlecht ist, es in Strömen regnet, dass alle ihre Fahnen abgenommen, ihre frustrierten miesepetrigen Mienen wieder aufgesetzt haben und die Welt nicht mehr zu Gast bei Freunden ist. Angstschweißgebadet habe ich aber feststellen müssen, dass das wohl Gott sei Dank vorerst nur ein Alptraum war. +++ Wir sind Papst! Ich will aber lieber weiterhin Deutschland sein und Weltmeister werden! Daher habe ich mir ein Transparent gebastelt, mit dem ich mich am nächsten Sonntag vor das Olympiastadion stellen werde: „TAUSCHE PAPST GEGEN WM-TITEL!“ +++ Mal schauen, vielleicht lässt sich ja jemand drauf ein, und wenn ich ganz großzügig bin, packe ich noch ein paar doppelte Paninibilder drauf. Es besteht also noch Hoffnung, Kopf hoch! +++
05. Juli 06 +++ Heute morgen ein ganz komisches Gefühl im Magen, vergleichbar mit einem dicken Kater nach durchzechter Nacht oder einem Tritt in die Weichteile, wenn der Schmerz durch die Leiste zieht – hoffend, dass alles doch nur ein böser Traum ist und es gleich wieder so sein kann wie vorher. Mit dumpfem Kopf und schwerem seufzendem Herzen bittet man aufzuwachen. Aber nein, es ist vorbei, durch zwei tragische Tore der Italiener in den letzten Minuten der Nachspielzeit. Die alltagstheoretische Suche nach Schuldigen (z.B. Merkel, weil sie ein grünes statt ihres lachsfarbenen Kostüms getragen hat) bringt nur oberflächlichen Trost, zu tief sitzt die Ernüchterung nach der drei Wochen langen Party. Das ganze Land war high, wir alle hatten einen euphorischen Trip und liefen bei strahlendem Sonnenschein mit einem Grinsen wie die durchgeknallten ACID-Smiley-Pillen des „WM 2006 Deutschland Logos“ durch die neu entdeckte Heimat. Mit jedem Erfolg wollten wir mehr und mehr, und alles schien plötzlich möglich. Was für ein rauschhafter Traumzustand, aus dem wir hedonistischen Junkies gestern Nacht plötzlich jäh herausgerissen wurden. Man könnte jetzt natürlich sagen, dass es das spannendste Spiel der WM war, dass Deutschland in jeder Hinsicht überzeugt und überrascht hat – aber das will im Moment ja niemand hören! +++
04. Juli 06 +++ Heute um 21 Uhr der Klassiker Deutschland vs. Italien. Bis dahin ein kindliches prickelndes Gefühl in der Magengegend, so wie ein Tag vor Weihnachten, so wie vor dem ersten Kuss, so wie ein Tag vor den großen Sommerferien! +++ Heute zu arbeiten ist unmöglich, lieber das Trikot noch einmal bügeln und die doppelten Paninibilder sortieren. +++ Die Frage ist nur: Wo das Spiel schauen? „Public viewing“, privates Fußballgucken und grillen oder alleine vor dem Fernseher rumhängen? Alles laaaaaaaaaaaannnngggwweeiiiiillllllliiiiiiiiiiiiggg! Hier der ultimative Tipp für heute Abend: Einfach mit der obligatorischen Fanausrüstung (vgl. Tickerbeitrag vom 30. Juni 06) in die Pizzeria um die Ecke gehen (wichtig: muss wirklich von Italienern bewirtschaftet werden, nicht von Arabern oder Türken!), den besten Platz vor dem kleinen Personalfernseher sichern und dann um genau 21 Uhr ein mehrgängiges Menü mit 1000 Extrawünschen bestellen. Ab und zu mal ins Honky-Horn blasen und immer schön in Form von BILD Zeitungsüberschriften das Spiel kommentieren wie z.B. „Mamma mia, werden wir Euch wegnudeln!“ +++ Das wird ein Spaß, von dem morgen an dieser Stelle berichten werden soll – sofern ich bis dahin nicht mit den Füßen einbetoniert im Schlachtensee versenkt worden bin. Arrivederci! +++
03. Juli 06 +++ Wieder ein Tag ohne Fußball. Endlich mal Zeit, ein paar wichtige Dinge aufzuarbeiten! +++ Vor allem die Prügelei nach dem Spiel Deutschland vs. Argentinien auf dem Spielfeld: Rudelbildung, Kopfnüsse und ein paar anständige Tritte. Was für ein Skandal, der um die Welt geht. In Anlehnung an den pädagogisch angehauchten Beitrag vom 26. Juni 06 – der Fußballer und Budelkastenkindern assoziativ verbunden hat – aber vollkommen verständlich. Verlieren ist halt sehr unschön und nicht gut für die persönliche Entwicklung, und wenn man dazu noch sehr erschöpft ist, dann kann man evolutionstheoretisch entweder flüchten, sich totstellen und weinen oder eben die Aggressionen rauslassen. Während die Mitteleuropäer sich immer ganz verweichlicht auf den Boden schmeißen und bitterlich weinen, scheinen andere Teams halt ihr so berühmtes sogenanntes südländisches Temperament frei heraus zu lassen. Das konnte man auch besonders schön bei dem legendären Qualifikationsspiel Schweiz gegen Türkei sehen. Da gibt es dann halt schon mal ein paar gezielte saftige Tritte mit noppigen Fußballschuhen in die Weichteile – aber die meinen das eigentlich gar nicht so, die wollen nur spielen! +++ Brasilien ist raus! Das Ausscheiden der Favoriten ist schon eine kleine Überraschung. Alle beschweren sich wegen der enttäuschten Erwartungen: statt Ballzauber garniert mit Zuckerhut nur arrogante und dicke Buben. Aber irgendwie auch nicht so schlimm, der ganze Gutelaune-Trommel-Caipirinha-Stringtanga-Silikonbrüstekram ging mittlerweile schon gehörig auf die Nerven. Da lobt man sich doch eine ordentliche Mischerei auf dem Spielfeld. +++
02. Juli 06 +++ Gestern die anderen beiden Viertelfinalspiele. Frankreich und Portugal sind weiter, Brasilien und England (auf die ist beim Elfmeterschießen ja seit jeher Verlass) raus. Nun ist nur noch das alte EUROPA in der WM vertreten. +++ Beim Fußballgucken wird derzeit ein technisches Problem der digitalen im Vergleich zur analogen Fernseh-Übertragung deutlich: Durch die Umrechnung der Signale kommt es zu einer minimalen zeitlichen Verzögerung, die sich gerade bei den nervenaufreibenden Elfmeterschießen sehr zu Ungunsten der DVB-T-Adapter-Besitzer auswirkt. Sehr ärgerlich, wenn die Nachbarn mit ihrem Kabelanschluss schon jubeln oder weinen und man selbst den Spieler erst noch den Ball zurechtlegen sieht. +++ Warum müssen große Fußballer, Legenden und Lichtgestalten alles dran setzen, bei großen Events ihre Würde zu verlieren? Maradona hüpfte wie auf Speed und Crystal auf Tribünen herum, und gestern musste sich jetzt auch noch der große Pelé blamieren: Singend, tanzend und in die Hände klatschend kam er ins ZDF-WM Studio und gab eine nicht enden wollende Performance mit mehreren brasilianischen Gutelauneliedern. Es hätte nur noch gefehlt, wenn er als Zugabe gesungen hätte: „Ein bisschen Spaß muss sein!“ +++
01. Juli 06 +++ Mein lieber Scholli: Das war vielleicht ein spannendes Spiel. Nichts für schwache Herzen! Nervenflattern bis zum Elfmeterschießen, und dank Lehmanns „Händen Gottes“ nun wieder eine Runde weiter. Wir haben einen neuen Torwart-Titan, und Maradona hat sich ausgetanzt auf den Tribünen Deutschlands – Tschööökoo! +++ Eben eine ganz witzige Situation: Mein Telefon klingelt, und an der anderen Leitung will mir ein Herr eines Telefonanbieters einen neuen Tarif aufquatschen. Sorry, kein Interesse, aber dennoch reden wir fünf Minuten miteinander. Zwar nicht über Tarife, sondern über unsere Fußballtipps, die Stimmung auf der Fanmeile, Bierpreise, Lehmann, Klose und Co. +++ Man sollte viel öfter mal mit Fremden einfach so telefonieren und die WM Euphorie teilen. Daher nehme ich mir jetzt ein Telefonbuch und wähle einfach mal ein paar Nummern. Eine sehr gute Idee! +++
30. Juni 06 +++ Der Fußballfan an sich ist eine Spezies, die so (sozial)psychologisch und soziologisch komplex ist, dass sie an dieser Stelle natürlich niemals auch nur in Ansätzen erörtert werden kann. Aus heutigem aktuellen Anlass daher hier nur eine rein deskriptive Bestandsaufnahme des Phänotyps des deutschen WM Fans von Kopf bis Fuß: Zur grundlegenden Fanausrüstung gehören (natürlich alles in den Länderfarben Schwarz-Rot-Gold) lustige Perücken aus Polyester, unter denen man bei den derzeitigen Temperaturen herrlich schwitzen kann; das Gesicht wird mit Fanschminke farbig bemalt; um den Hals baumelt eine Trillerpfeife in Fußballform; der Premium-Fan trägt das aktuelle Trikot von adidas für 65 EURO in weiß, die Individualisten in rot, die Sparsamen das von der Telekom, und ganz Durchgeknallte malen sich eines selbst (natürlich schon mit vier Sternen über dem Adler!); in beiden Händen hält der echte Fan diese komischen aufblasbaren Plastikschläuche, die man zum Lärmen gegeneinander schlagen kann; in der Hosentasche steckt eine FCKW-Fanfare oder alternativ ein Honky-Horn, in das man reinpusten kann, wodurch dann ein lärmendes Tröten über zitternde Membranen ertönt; eine riesige Fahne wird wie ein Badetuch um die Schultern geworfen. +++ Das ist vor allem die männliche Standardausrüstung, die natürlich nach dem Motto „je mehr, desto besser“ erfolgt. Bei den plötzlich richtig fußballbegeisterten Frauen gilt dagegen „weniger ist mehr“: Nicht nur die übliche Luderfraktion, sondern auch die sonst so artigen und anständigen Einzelhändlerverkaufsassistentinnen und Käsewurstfachverkäuferinnen versuchen, so sexy wie möglich aufzufallen: zum Standardprogramm gehören Hotpants und hochgepresste Brüste, die mit „Poldi“ oder „Frau Ballack“ bemalt sind – ganz Verwegene sind sogar vollkommen nackt und lassen sich das Outfit lediglich per Airbrush auf den Körper sprayen. +++ Hoffentlich heute nicht zum letzten Mal! +++
29. Juni 06 +++ „Ohne Holland fahrn wir nach Berlin!“ Fußballschlachtengesänge – insbesondere wenn gegen den Lieblingsrivalen gerichtet – sind fast immer gemein. In ihnen entladen sich sonst unterdrückte Animositäten und kanalisieren diese in Form kollektiven Gegröles in sozial akzeptierte Bahnen. Man will den Gegner ärgern, zur Weißglut bringen, aber nicht wirklich verletzen. Und dafür eignet sich beißender Spott und Hohn natürlich am besten. Wenn man aber aktuellen Medienberichten Glauben schenken darf, dann können wir Deutschen uns jetzt den Hollandspott angeblich sparen. Es soll unter ethnologischen Gesichtspunkten etwas ganz Besonderes passiert sein: Aufgrund der guten Stimmung im Lande, der als großartig empfundenen Gastfreundschaft und des plötzlich so ansehnlichen kreativen Fußballspiels des deutschen Teams, drücken die Hollis im weiteren Verlauf der WM nun wohl uns die Daumen. Hallo? Die Hollis auf der Seite der Deutschen? Das wird ja nach immer besser. Was kommt als nächstes? Vielleicht entschuldigen sich die Engländer noch für das Wembley-Tor? +++ Kofi Annan sollte sich für eine jährlich stattfindende Fußball-WM einsetzen – FIFA featuring UNO – dann hätten wir in ein paar Jahren Weltfrieden. +++
28. Juni 06 +++ Heute ist seit langem ein fußballfreier Tag, und man fragt sich ernsthaft, ob es überhaupt jemals ein Leben vor der WM gegeben hat. Unvorstellbar! +++ Unerträgliche, schmerzhafte Langeweile macht sich breit, zu der sich noch ein komisches Gefühl in der Magengegend gesellt – so eins, wie es sich immer einstellt, wenn man in ein großes soziales Loch fällt, z.B. wenn einen die Freundin verlassen hat oder alle Kumpels ohne einen in den Urlaub fahren. +++ Um Himmels Willen, was soll man heute und morgen denn bloß machen? +++ Nun ja, man könnte z.B. zu Hause selbst ein paar legendäre Partien nachspielen. Dafür braucht man lediglich folgendes Equipment: Ein kleines Plastiktor für Kinder bis 4 Jahre (im Spielwarengeschäft, ca. 8 EURO) und den offiziellen Miniatur Fußball von McDonald´s (5 EURO) – und schon kann es im Büro oder Wohnzimmer mit Kollegen oder auch alleine losgehen: vom Schreibtisch flanken, von der Couch einen Fallrückzieher machen, vom Kopierer einen Elfer schießen oder sich mit der Zimmerpalme ein Kopfballduell leisten. Und wenn man das auch wirklich engagiert und mit richtigem Körpereinsatz macht, kann man sich sogar ernsthafte Verletzungen zuziehen – ganz so wie die Profis. Ist das nicht toll? +++
27. Juni 06 +++ Bruno der Problembär ist tot. Nachdem er in den letzten Wochen von finnischen Jägerstaffeln mit Elitehunden und Wärmebildkameraaufzeichnungen aus Helikoptern nicht lebend gefangen werden konnte, ist er nun hinterrücks erschossen worden. +++ Tierschützer protestieren und fordern Politiker zum Rücktritt auf. +++ Der Fall könnte sich aber noch von einem regionalen zu einem weltweiten Politikum entwickeln – dann nämlich, wenn sich wie vermutet (vgl. Tickerbeitrag vom 17. Juni 06) nun bei einer Obduktion herausstellt, dass Bruno wirklich unser verkleidetes WM Maskottchen GOLEO VI war! Nicht auszudenken, welche Schadensersatzforderungen dann seitens der FIFA auf das Land Bayern zukommen werden. Gegen heimtückischen Maskottchen-Mord sind die bisherigen Lizenzverstöße ein Witz! +++ Bruno, alter Junge, R.I.P. +++
26. Juni 06 +++ Zu Beginn einer neuen WM-Woche einfach mal so zum lockeren Einstieg eine interessante Zahl, die mal wieder die unglaubliche WM-Dimension plastisch veranschaulicht: 100.000 Liter Urin werden derzeit wohl täglich von den Fanfestmassen mal so eben in den Tiergarten entsorgt. Wenn man das mal auf die ganze Spielzeit der WM hochrechnet, dann sind das insgesamt ca. 3000000 Liter, die das kleine Ökosystem „Tiergarten“ gerade zum Umkippen bringen. Fehlt nur noch, dass sich jetzt Greenpeaceaktivisten als Goleo verkleidet an Bierstände und Leinwände ketten, um auf das große kommende Waldsterben aufmerksam zu machen. +++ Beim Spiel der Portugiesen gegen die Hollis waren wieder viele herrliche Fiesheiten zu bestaunen. Dabei war sehr schön zu beobachten, dass das Foulen eines Mitspielers immer nach dem gleichen Muster abläuft: Derjenige, der foult, schaut, dass der Schiedsrichter gerade nicht guckt und abgelenkt ist, um dann seinen Gegenspieler mit quasi beiläufiger Gehässigkeit einen Ellenbogen ins Gesicht oder das gestreckte Bein ins Sprunggelenk zu ballern. Währenddessen werden die Arme schon prophylaktisch entschuldigend in die Höhe gerissen. Derjenige, der gefoult wird, versucht natürlich alles, damit der Übeltäter für diese Aktion möglichst hart bestraft wird. Daher schmeißt er sich – so theatralisch wie nur irgendwie möglich – zu Boden, verzieht das Gesicht schmerzverzerrt und hält sich krümmend jede Extremität, zumindest so lange, bis der Schiedsrichter den Übeltäter bestraft hat. Dann steht der Gefoulte wieder auf, und die Miene hellt sich blitzartig auf, als wäre alles doch nicht so schlimm gewesen. Schwieriger wird es, wenn sich die Rollen von Übeltäter und Opfer vertauschen, wenn sich nämlich ein Spieler ohne Foul simulierend zu Boden wirft, um aus rein egoistischer Strategie einen Vorteil zu erlangen. +++ Dieses Muster ist auch schon bei Kindergartenkindern bis zur Perfektion ausgebildet, z.B. wenn der eine dem anderen im Buddelkasten die Schippe oder das Förmchen wegnimmt und das große hinterhältige Kratzen und Beißen beginnt. +++ Aus diesem Anlass ein anerkennendes Hip Hip Hurra für jeden Berufsstand mit pädagogischer Ausrichtung – vom Schiedsrichter bis zur Kindergärtnerin! +++
25 Juni 06 +++ Gott sei Dank: Durch den Sieg gegen Schweden noch mindestens eine weitere Woche bombige WM Stimmung im Lande! Jeder Tag zählt. +++ Was für ein fulminanter Spielstart: Poldi, die alte Hohlbratze, knallt in den ersten Minuten gleich zwei Dinger rein. Herrlich, und Deutschland tanzt die „Poldinaise“ (BILD). +++ Doch bei den Spielen lohnt sich nicht nur ein gebannter Blick auf das Feld, sondern auch einer auf die Ränge: Egal, welches Spiel man sich in den letzten Tage auch angeguckt hat, der Kaiser Franz ist immer dabei. Wie macht der das bloß? Hat der eine Zeitmaschine und lässt sich immer von einem Stadion zum nächsten beamen? +++ Ein weiterer Gast auf der V.I.P.-Tribüne ist derzeit besonders putzig anzuschauen: unsere aller Kanzlerin Angie Merkel. Richtiggehend niedlich, wie sie fröhlich Duracell-Häschen-mäßig mit dem Oberkörper wackelnd in die Hände klatscht. +++ Auch sonst lohnt sich ein Blick ins Publikum: Der Kameraschwenk zeigte einen allein für „P1 Girlies“ reservierten Luder-Block und zahlreiche lustige durchaus kreative Zuschauertransparente – z.B. das umgedichtete „Die Welt zu Gast bei Freunden“ in „Freunde zu Gast beim Weltmeister“ oder aber „Schweden, Geh-Heim-Favorit!“ +++
24. Juni 96 +++ Heute Nacht auf dem Rückweg von der WM-Disco, nach einer Currywurst mit Pommes Schranke bei „Curry 36“ (mindestens 60 Minuten zusätzlich auf dem Crosstrainer bei 133 Puls), bin ich am Mehringdamm in eine zünftige Verfolgungsjagd hineingeraten: Ein durchgeknallter Freak brettert ohne Rücksicht auf Verluste über rote Ampeln, hinten dran kleben zwei dunkle Kombis mit Blaulicht. Eigentlich nicht der Rede wert, aber unter „WM-Ticker-Gesichtspunkten“ insofern interessant, dass sowohl das flüchtende Fahrzeug als auch die Zivilpolizeiwagen mit den derzeit so begehrten Deutschlandfähnchen zum an die Scheibe klemmen geschmückt waren. Und das barg durchaus eine gewisse Komik, denn wenn sich jetzt sogar schon die Zivilpolizei mit den Dingern schmücken muss, um nicht aufzufallen und inkognito agieren zu können, dann wird der WM-Wahnsinn so richtig deutlich. +++ In wenigen Stunden geht es gegen Schweden um den Einzug von Deutschland ins Viertelfinale. Ab jetzt geht es um Alles oder Nichts; Himmel oder Hölle; jubeln oder weinen; Top oder Flop; Himmel hoch jauchzend oder zu Tode betrübt; Sekt oder Selters – wow, was für eine unerträgliche Spannung. +++
23. Juni 06 +++ Wo sind denn nun die großen WM-Überraschungen, die Momente, die die ganze Welt verzücken, die zu Legenden werden und immer wieder aus den Archiven gekramt und am Stammtisch diskutiert werden? +++ Gestern sah es in der ersten Halbzeit beim Spiel Japan – Brasilien fast nach einer solchen aus, als Japan mit 1:0 in Führung ging. Aber dann wurde es doch noch ein Schützenfest seitens der Ballzauberer vom Zuckerhut, und die normale Fußballordnung wurde wieder hergestellt. +++ Das Weiterkommen von Ghana ins Achtelfinale ist bisher sicherlich der größte WM-Zauber. Ganz Ghana steht Kopf und feiert wie noch nie zuvor – logisch! +++ Ein höchst interessantes Phänomen ist hier zu beobachten: Wenn Underdogs gegen etablierte große Mannschaften gewinnen, bündeln sich bei ihnen von allen Seiten die Sympathien. Wenn der „Kleine“ gegen den „Großen“ gewinnt, wird die alte Ordnung erschüttert, festgefahrenen Strukturen werden aufgebrochen und der Status quo in Frage gestellt. Das ist so, wie wenn St. Pauli gegen Bayern München gewinnt – nur halt im viel größeren Stil. Wenn Ghana am 27. Juni gegen Brasilien spielt, dann ist das kein Fussballspiel mehr, das ist Revolution, Rebellion und Rock N Roll in einem! GO GHANA GO! +++
22. Juni 06 +++ „Hello, ähhh, sorry, I´m from Ghana, can you show me the way to slash dot com, check it out, peace brothers, please?“ WM-Servicemitarbeiter volllabern könnte neuer Trendsport werden. Das macht derzeit sogar noch mehr Spaß als Taxifahrer oder Bardamen zu belästigen und ist sogar noch viel besser als bei der Telefonauskunft anzurufen, in den Hörer zu stöhnen und dann kichernd aufzulegen. +++ Fußball gucken im „Schleusenkrug“ ist ein ganz besonderes Erlebnis für alle Sinne. Während man an seinem Weizen schlürft (gustatorisch) und das Spiel auf dem Bildschirm anschaut (visuell), donnern Züge an einem vorbei (auditiv), so dass der ganze Körper erzittert und man sich an der Bierbank festhalten muß (haptisch), und vom ZOO her nimmt man Elefanten und Nilpferde wahr (olfaktorisch). +++ Ein besonderes Bild geht derzeit bei Argentinienspielen immer wieder um die Welt: Ein kleiner dicklicher Mann mit vertikal weiß-blau-gestreiftem Trikot hüpft und springt und jubelt überschwänglich wie ein Teletubbie auf der Tribüne im Publikum herum. Irgendwie ist dieser Anblick ein bisschen armselig und traurig – zumindest wenn man bedenkt, dass dieser Mann anno 1986 als der große Maradona mit Bällen gezaubert hat, wie kaum ein anderer. Der Träger der Hand Gottes darf doch da nicht so schnöde normal rumhampeln. Der soll da weg gehen, denn damit löst sich doch die Legende in Luft auf und jeder Zauber geht verloren. Das wäre doch genau so, als ob man Heidi Klum beim Popeln oder Beckham beim Kacken auf der Toilette sehen müßte. +++
21. Juni 06 +++ Unser Gegner am Samstag heißt „Schweden“ und die BILD fragt wortwörtlich „Vermöbeln wir jetzt auch die IKEA Kicker?“ +++ Warum spielt Beckham bei den aktuellen Temperaturen eigentlich mit einem Longsleeve-Trikot? Fehlt nur noch, dass er sich nächstes Mal aus Stilgesichtspunkten eine Wollmütze auf den Kopf setzt und mit Moonboots aufläuft. +++ In einer Sache sind wir Deutschen sowieso schon Weltmeister, die uns ohnehin als Tugend attribuiert wird: „Planung und Organisation“! Das wird auch bei der Fußball-WM deutlich, da kann man wirklich nichts gegen sagen. Die modifizierten Straßenführungen und Umleitungen sind perfekt durchdacht, die Fanfeste sind bis aufs klitzekleinste Detail eventmäßig inszeniert, und überall laufen speziell geschulte „Service“- und „Informationsteams“ mit lustigen Uniformen durch die Stadt, um den internationalen Gästen bei Fragen kompetent weiterzuhelfen. +++ Heute Nachmittag habe ich mir vorgenommen, durch die Stadt zu flanieren, mich dabei als Ghanaer auszugeben und eben diese Servicemitarbeiter auf virtuos genuscheltem englisch mit den absurdesten Fragen auf die Probe zu stellen. Von diesem Spaß werde ich dann morgen an dieser Stelle berichten. +++
20. Juni 2006 +++ Berlin – Olympiastadion: Die deutsche Nationalmannschaft gegen Ecuador in der Hauptstadt. Was für eine Stimmung! Ein weiss-schwarzes Menschenmeer. Von oben sieht das Stadion wie eine leckere Geburtstagstorte aus, gespickt mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen und blauem Zuckergussrand. Eine Laola nach der anderen wabert wie Wackelpudding durch die Ränge, und es ertönen lauthals lustige Fangesänge: DeutschEEEEland! DeutschEEEEland! Finale, Finale! Trommeln böllern und dazu schreien alle unisono ein markerschütterndes „Sieg!“ +++ Bingo: 3:0 gewonnen, und Deutschland ist Gruppensieger. +++ Nun mögen alle Klinsi, haben ihn ganz doll lieb. Auch die, die vorher alles schlecht geredet haben, die Gummitwistübungen verabscheut, die us-amerikanischen psychologischen Trainingsmethoden abgelehnt und seine ständigen USA Aufenthalte verachtet haben. Nach den drei Siegen hat er jetzt offensichtlich alles richtig gemacht. Er ist unser aller Held – zumindest bis Samstag. +++
19. Juni 06 +++ Überall Fanfeste in Deutschland! +++ Vor allem die Fanmeile in Berlin sprengt alle Rekorde: Hunderttausende aus aller Welt drängeln sich täglich auf der Straße des 17. Juni, so dass sie sogar noch ausgeweitet wird. Die Stimmung sollte man sich nicht entgehen lassen: eine Mischung aus Live8, Karneval der Kulturen und Loveparade. +++ Am Bierstand kann man herrlich in mehreren Sprachen lallen, sich interkulturell bei Toren in den Armen liegen und eine nicht enden wollende Polonaise veranstalten. +++ Man kann nebenan in der ADIDAS-Arena feiern, an monumentalen Bauwerken wie dem Brandenburger Tor und Reichstag vorbeischlendern, auf überdimensionale Fußballschuhe klettern, den Mondschein in der Spree und den illuminierten neuen Hauptbahnhof genießen und einfach BERLIN in sich aufsaugen. Wer diese Stadt bisher noch nicht ins Herz geschlossen hat, muss sich spätestens jetzt in sie verlieben. +++
18. Juni 06 +++ Was für ein spannender Fußball-Tag gestern! Mein lieber Scholli! Zum einen ganz großer Ballsport von der Mannschaft aus Ghana. Da saß jeder Pass wie aus dem Bilderbuch. Durch ihren Sieg gegen Tschechien haben sie ordentlich Spannung in die Gruppe E gebracht. Das ist der Stoff, aus dem WM-Träume sind. +++ Zum anderen natürlich Italien gegen USA – ein Spiel so spannend und brutal wie bisher noch nicht bei diesem Turnier: Blutgrätschen, Body- und Ellenbogenchecks, blutige Nasen und drei rote Karten! +++ Das war beinahe kein Fußballspiel mehr, sondern streckenweise ein Gladiatorenkampf zur besten Sendezeit. Das Stadion in Kaiserslautern wurde zum Colosseum – panem et circenses! +++
17. Juni 06 +++ Wo ist eigentlich GOLEO VI? Jetzt ist die WM schon eine Woche in vollem Gange, man hat spektakuläre Tore gesehen und es wurde über Vieles weltweit berichtet – nur unser aller Lieblingsmaskottchen scheint wie vom Erdboden verschluckt. Goleo, dieser zottelige Samson-Verschnitt ohne Hose aber mit Fußballschuhen und seinem sprechenden Ball namens Pille hat wahrscheinlich keine Lust mehr. Zu recht! Er hat die Schnauze gestrichen voll von all den Negativschlagzeilen im Vorfeld der WM. Was hat man dem armen Kerlchen nicht alles nachgesagt: Krebserregend soll er sein, wenn man sich sein plüschiges Fell stundenlang an der Haut reibt, sein Produzent musste noch vor Beginn der WM Insolvenz anmelden, weil ihn keiner haben wollte, und im offiziellen WM-Maskottchenvergleich hat GOLEO VI gegen Kollegen wie Chilischoten mit Sombrero auch nicht so gut abgeschnitten. Aber eines sollte man doch fairerweise festhalten: Wir Deutschen können noch viel durchgeknalltere Maskottchen entwerfen, die auch keiner haben will. Man denke mal bitte an den kleinen armseligen radioaktiv verstrahlten und missgebildeten „Twipsy“ von der EXPO 2000! Aber egal, GOLEO hat keine Lust mehr auf die WM und ist einfach abgehauen. Er hat seine Sachen gepackt und streunt derzeit lieber verkleidet als „Bruno der Problembär“ Meerschweinchen mordend und honigschleckend durch Bayern und Österreich. +++
16. Juni 06 +++ Männer und Frauen funken auf ganz unterschiedlichen Frequenzen – das weiß jede(r)! Beim Thema Fußball wird das ganz besonders deutlich: Wenn Jungs z.B. Paninibilder sammeln, dann geht es darum, das Heft so schnell wie möglich voll zu kriegen, sich die Geburtsdaten und Heimatvereine der Spieler einzuprägen und über Schussgeschwindigkeiten zu fachsimpeln (Netzer zu Delling: „150 km/h sind genau meine Kragenweite!“). Mädchen dagegen blättern mit ihren Freundinnen prüfenden Blickes in einem solchen Heft wie sonst nur in der Gala, Glamour oder Joy. Für Jungs sind Fußballer abstrakte Götter, für Mädchen sind das Sexobjekte aus Fleisch und Blut: „Schau mal den süßen Typen an, hat der einen tollen Body, quak, quak, quak…“ Nun gut, nicht jeder Fußballer eignet sich für rosarote zuckersüße Mädchenträume mit Gänseblümchen obendrauf, aber jedes Turnier hat erfahrungsgemäß den ein oder anderen Mädchenschwarm. Bei der WM 2006 sind das natürlich vor allem – Trommelwirbel – Ljungberg (16-4-1977; 1,75m; 69 kg) und mal wieder Beckham (2-5-1977; 1,80m; 74 kg). Die sind nebenberuflich metrosexuelle Unterwäschemodels, zupfen sich die Augenbrauen, schminken sich vor dem Spiel und üben statt Elfmeterschießen lieber vor dem Spiegel ein aufgesetztes sexy Fotolächeln mit halbgeöffneten Lippen. +++ Insgesamt ist beim Fußballsport eine gewisse Verweichlichung zu erkennen. Man denke z.B. nur an die Entschuldigungen der Engländer nach ihrem schlechten Spiel gegen Paraguay. Da wurde gejammert, es sei auf dem Feld sooooo heiß gewesen oder die Blasen an den Füßen hätten ganz doll Aua gemacht. Menno! +++ Hallo? Fußballer müssen blutgrätschen, Gras fressen, in den Torpfosten beißen, mit ihren Matschbirnen das Leder in das Tor köppen, Fallrückzieher machen ohne Rücksicht auf die Frisur und Fingernägel, sie müssen schwitzen, triefen, transpirieren und aus jeder verdammten Pore zum steinerweichen stinken!!! +++
15. Juni 06 +++ TSCHLAAAND, TSCHLAAAND, TSCHLAAAND! +++ Was für eine spektakuläre Schlussphase im Spiel TSCHLAAAND gegen Polen: Lattenschüsse, abgepfiffenes Abseitstor und dann in der Nachspielzeit durch Vorlage von Odonkor (10,4 Sekunden auf 100m mit Fußballschuhen) ein Ding von Neuville reingezimmert! Na, wenn das keine Beanspruchung der zu diesem Zeitpunkt schon durch Bier und Grillgut extrem verklebten Nerven war! +++ Das Achtelfinale ist so gut wie sicher! +++ Danach spontaner Autokorso auf dem Ku-damm mit winkenden Mädchen auf den Kühlerhauben und lebensgefährlich aus dem Fenster hängenden und mit Fahnen schwenkenden Alkoholisierten. +++ Aus aktuellem Anlass hier zwei sehr empfehlenswerte WM-Produkte: Einmal eine „Fußball Voodoo-Puppe“, an der man je nach Bedarf die Länderfahnen des zu beschwörenden Gegners befestigen und dann mit spitzen Nadeln traktieren kann – sehr geeignet z.B. für die nächsten England und Holland-Spiele. Und zum anderen ein sprechender Flaschenöffner, der bei der Berührung des metallenen Bierkronkorkens mechanisch plärrt: „Ihr könnt nach Hause fahren, ihr könnt nach Hause fahren!“ Wohl wahr – in diesem Sinne: Prost! +++
14. Juni 06 +++ Endlich echte WM-Stimmung in Berlin: Gestern Kroatien gegen Brasilien im Olympiastadion. Die ganze Stadt rot weis kariert und gelbgrün dekoriert. Was für ein Spektakel! +++ Am Ku-damm haben hunderte Kroaten eine spontane Party gefeiert, lauthals Volkslieder gesungen und eine aufblasbare Plastiksexpuppe wie auf einem Feuerwehrsprungtuch in die Berliner Luft hüpfen lassen. Brasilianerinnen, in hautenge Tops und Strechhosen gepresst, so dass Venushügel und Zuckerhüte sichtbar wurden, applaudierten daneben. +++ Heute spielen unsere Jungs gegen Polen. Ein Sieg muss her, damit wir sicher in die nächste Runde kommen. Hoffentlich bleibt auch in der „dritten Halbzeit“ alles friedlich, denn in der Hooliganszene sind die Polen „die Creme de la Creme, da hat jeder Zweite eine paramilitärische Ausbildung.“ +++ Ein interessantes Phänomen ist zu beobachten: Die meisten Deutschlandfahnen sieht man erstaunlicherweise in Neukölln und Kreuzberg. Vor allem Türken schmücken ihre 3er BMWs mit wehenden schwarz-rot-goldenen Fahnen. Die WM schafft offenbar auch hier eine Identifikation mit Deutschland, wie kein von der Politik initiierter Integrationsversuch vorher. Hip Hip Hurra! +++
13. Juni 06 +++ Der Morgen beginnt ganz stilecht mit einem offiziell von der FIFA lizenzierten Nestlé-Knusperfrühstück aus dem Supermarkt für ca. 2,70 EURO. Das sind „fantastisch-magische Knusperbälle mit Vanillegeschmack!“ Man muß einfach nur Milch zu den Knusperbällen geben und schon werden wie von Geisterhand auf den runden Kügelchen die zimtbestäubten Waben sichtbar. So steht es zumindest auf der Packung. In der Müslischüssel sind aber eigentlich nur gesüßte Zerealien und in der Packung nicht mal ein klitzekleines Fußballgimmick! So ein Ärger! +++ Ballacks Wade, die mittlerweile zum Nationaleigentum geworden ist, scheint wieder fit zu sein. Der Kapitän kann also morgen gegen Polen antreten. Aber irgendwie schien Ballack in den letzten Tagen zum Problem zu werden. Erst diverse Querelen mit Klinsi und gestern noch schlendert er mit nem Italien-Shirt von D&G durch die Gegend und stört damit laut BILD die schwarz-rot-GEILE patriotische Grundstimmung im Lande. Der Träger UNSERER aller Wade soll sich vorsehen! +++ Wer sich bis jetzt noch nicht wm-technisch mitreißen lassen hat, sollte endlich mal die diversen Festivitäten in der Stadt aufsuchen. Am besten gleich heute Abend auf die Fanmeile, denn wenn Brasilien in der Stadt spielt, veranstalten da tausende Nackte von der Copacabana mit Caipirinhas in den Händen eine riesige feuchtfröhliche Polonaise. Sowieso machen die ganzen Feste in den ersten Tagen der WM am meisten Spaß, denn dann ist da noch die große Euphorie von allen teilnehmenden Nationen zu spüren. Da kann man mit Angolanern und Schweden und Trinidad und Tobagoanern Arm in Arm „We are the Champions singen“ und zum Weltfrieden beitragen. Man muss Feste feiern wie sie fallen – und das Fest ist jetzt! +++
12. Juni 06 +++ Die WM Routine hat sich eingespielt: Das Wetter ist herrlich, und die Abende sind zum Fußballgucken reserviert. +++ Die ersten Spiele sind um, auch die von unseren Lieblingsfußballgegnern Holland und England – und es fällt uns allen ein dicker Stein vom Herzen, denn soooo stark waren sie wirklich nicht! Fußballgott sei Dank! Nicht auszudenken, wenn England oder Holland in DEUTSCHLAND Weltmeister werden würde. Eine über Jahrhunderte währende Schmach sondergleichen müssten wir über uns ergehen lassen. In jedem Urlaub, auf jeder Dienstreise würde man hämisch darauf angesprochen werden. Nein, das darf nicht sein. Aber da man bei diesem Sport ja nie wissen kann, sollte man vorsorgen. Sicher ist sicher: Also geht man am besten in eines der in letzter Zeit aus dem Boden gesprossenen Wettbüros der Stadt und setzt einen ordentlichen Geldbetrag auf seinen Lieblingsrivalen. Das mag zwar paradox erscheinen, aber wenn dann doch der SuperGAU eintreten sollte, und dieser Rivale die WM gewinnt, hätte man zumindest eine finanzielle Entschädigung dafür. Das ist wie eine eigene Fußballversicherung, denn wenn der Rivale die WM nicht gewinnt, der versicherte Schadensfall also nicht eintritt, ist es ja auch kein Problem. Dann ist zwar der Einsatz weg, aber man hat weiterhin seine Fußballehre. Der zu investierende Versicherungsbeitrag, also Wetteinsatz, müsste demnach aber natürlich je nach Ehrgefühl höher oder niedriger ausfallen. Und wenn man auf diese Art und Weise alle Familienmitglieder mitversichert, kann bei der WM eigentlich nichts passieren. Immer schön auf Nummer Sicher gehen. Aber so sind wir Deutschen halt. +++
11. Juni 2006 +++ Die WM ist wie Karneval: 31 Tage lang steht alles Kopf. +++ Zeitlich begrenztes soziales Ausflippen ist erlaubt und sogar erwünscht: verkleiden, betrinken, singen und fremde Leute umarmen und begrapschen +++ Man sollte jeden Tag genießen – wie die Eintagsfliege im Gutelaune-Vodafone-Werbespot – denn nach dem 9. Juli wird alles wieder ganz normal sein – halt so wie nach der Karnevalszeit, wenn der Kater nachlässt und man sich langsam daran erinnert, mit wie vielen Unbekannten man ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte +++ Heute am Sonntag haben sogar die Geschäfte geöffnet, mit der Hoffnung, den ganz großen Reibach zu machen, denn die Touristen aus aller Welt wollen tolle Dinge kaufen: plüschige „Goleo“ Maskottchen in allen Größen, T-Shirts, Schweißbänder, Fußbälle, Puzzles, Servietten, Feuerzeuge, Sticker, Fahnen, Taschen, Jacken, Hosen, Getränke – lizenzierte FIFA Produkte wohin das Auge reicht. +++ Es ist aber nicht nur eine globale, sondern auch lokale Produktmaschinerie zu beobachten: Beim Metzger gibt es unlizenzierte Weltmeisterwürstchen, beim Döner ein Fußballspezialangebot und in manchen Puffs kann man bei erfolgreichem Torwandschießen einen Rabatt bekommen +++
10. Juni 2006 +++ Gänsehaut in München! Das Spektakel beginnt mit einem gelungenen Auftakt: Wir sind Deutschland, WIR haben das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica gewonnen, und WIR werden ganz sicher Weltmeister – soviel ist nach vier Liter Bier ganz sicher +++ Erstaunlich wie mit einem Mal im frustrierten grauen Deutschland der Patriotismus erwacht. Menschen, sich sonst schämend das Wort „deutsch“ in den Mund zu nehmen, schwenken nun hemmungslos schwarz rot goldene Fahnen, schminken sich mit einem lustigen dreifarbigen Fanstift das Gesicht und singen aus vollem Halse die Nationalhymne. Es macht Spaß, und plötzlich scheint sogar wieder die Sonne +++ Die „WM“ ist ein soziales Phänomen, das sich in vielerlei Hinsicht manchmal absurd auswirkt. +++ Beispiel 1: Hatte man vor ein paar Tagen noch große Sorge wegen Hartz4, NoGoAreas oder durchgeknallten Rütlischülern, dreht sich heute unsere ganze Besorgnis um die „Wade der Nation“! +++ Beispiel 2: Haben vor ein paar Tagen gestandene Erwachsene noch an der Börse spekuliert, Staudämme gebaut oder Bilanzen geprüft, sammeln sie nun Paninibilder oder sonstige Sammelsticker, Fanmünzen oder limitierte Coladosen – aber die plötzlich erwachte kindliche Sammelleidenschaft bei gestandenen Erwachsenen ist ein Thema, das es später noch genauer zu untersuchen gilt +++
09. Juni 2006 9. Juni 06
+++ Olé Olé Olé! WM 2006 – Die Welt zu Gast bei Freunden. Na dann mal herzlich willkommen! Deutschland hat sich schick gemacht, alles blitzt und blinkt und ist in hellsenffarbene FIFA Farben getüncht – vom Bus bis hin zum Papierkorb.+++ Endlich geht es los! Die vor Ewigkeiten feierlich eingeweihte große WM Uhr am „Großen Stern“, die die langen quälenden Monate, Tage, Stunden und Minuten unaufhörlich rückwärts gezählt hat, nähert sich nun endlich der Stunde NULL! Der lang ersehnte Anstoßpfiff. +++ Ab dann beginnt ein 31tägiges Spektakel +++ Brot und Spiele der Neuzeit für alle Erdenbürger: 32 Teams werden in 62 Spielen in 12 Stadien um den güldenen Pokal kämpfen. +++ In den nächsten Tagen wird viel passieren, soviel ist klar. Es wird gesungen und gesoffen, es wird gefeiert und geweint, Helden werden geboren und Träume platzen. Und wir sind ab heute immer mit dabei +++ Hip Hip Hurra! +++
09.06.2006 An dieser Stelle erscheint unser WM-Tagesticker...
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